Einstimmung

Es war einmal ein helles Götterkind.
Das war den Wesen wahlverwandt, die Weisheit
Im Geistesreiche sinnvoll weben dürfen.
Das Wesen wuchs, gepflegt vom Wahrheitvater,
In seiner Welt zur Urgewalt heran.
Und als es fühlte den gereiften Willen
In seinem Lichtesleib sich schaffend regen,
Da blickt es oft voll Mitgefühl zur Erde,
Wo Menschenseelen sich nach Wahrheit sehnten.
Es sagt‘ das Wesen dann zum Wahrheitvater:
«Es dürsten Menschen nach dem Trank, den du
Aus deinen Quellen ihnen reichen kannst.»
Mit ernster Würde sprach der Wahrheitvater:
«Die Quellen, welche ich behüten muß,
Sie lassen Licht aus Geistessonnen strömen;
Und trinken dürfen Licht nur solche Wesen,
Die nicht nach Luft zum Atmen dürsten müssen.
Drum hab‘ ich mir am Licht das Kind erzogen,
Das Mitleid mit den Erdenseelen fühlen
Und Licht in Atemwesen zeugen kann.
So wandle du zu Menschen hin und bringe
Das Licht aus ihren Seelen meinem Licht
Vertrauensvoll und geistbelebt entgegen.»
Da wandte sich das helle Lichteswesen
Zu Seelen hin, die atmend sich erleben.
Es fand auf Erden viele gute Menschen,
Die freudig ihm die Seelenwohnung gaben.
Es lenkte dieser Seelen Blick zum Vater
Am Lichtesquell in treuer Liebe hin.
Und wenn das Wesen aus dem Menschenmund
Und frohem Menschensinne Phantasie
Als Zauberwort vernahm, dann wüßt‘ es sich
In guten Menschenherzen froh erlebt.
Doch eines Tages trat zu diesem Wesen
Ein Mann, der ihm gar fremde Blicke warf.
«Ich lenk‘ auf Erden Menschenseelen hin
Zum Wahrheitvater an dem Lichtesquell.»
So sprach das Wesen zu dem fremden Manne.
Da sprach der Mann: «Du webst in Menschentgeistern
Nur wilde Träume und betrügst die Seelen.»
Und seit dem Tage, welcher dieses sah,
Verleumden viele Menschen dieses Wesen,
Das Licht in Atemseelen bringen kann.

Rudolf Steiner, aus: Die Prüfung der Seele, 5.Bild